Freitag, 28. März 2008

Holland, Holland, immer nur Holland

Des Nachts und/oder unter LSD-Einfluss blueht die Kreativitaet eines jeden Menschen auf. So auch bestaetigte bereits Isa* aus Osnabrueck diese These, indem sie mir ihren auf Trip bemalten Nachtschrank demonstrierte, der mitnichten nuechtern in solch halluzinierender Art und Weise haette bemalt werden koennen. Vielleicht waere van Gogh in der Lage gewesen, vielleicht aber - so vermute ich - auch der nicht. Auch Dominique*, Isas ach so nach aussen hin gesetzte Freundin, bewies mir mit ihrem meterlangen verwirrend bunten Kuenstlerast die kreative Wirkung von der Goa-Droge.
Ich fuer meinen Teil habe gaenzlich auf alle Arten von bewusst herbeigefuehrten Wahrnehmungstaeuschungen verzichtet. Das ist umso ueberraschender, da ja jeder doch um die liberale Drogenpolitik der Hollaender weiss. Aber irgendwie erfuellt es mich mit Stolz, zu wissen, dass ich nur noch etwa 70Km bis zur Grenze habe und drogenfrei Holland durchfahren haben werde.
Nun fuer alle Spekulanten unter euch: Ich bin gerade in Rotterdam, das erste Mal richtig offiziell in einem grossartigen Hostel untergekommen. Die gute Frau vom Rotterdamer Campingplatz sorgte sich muetterlich um mich, verzichtete auf das Uebernachtungsgeld, das sie von mir bekommen haette, und empfahl mir dringend, weil der Boden so nass und die Nacht so kalt sei, nicht im Zelt zu naechtigen. Da ich Sorge hatte, die gute Dame koenne nicht schlafen wegen der Angst um mich, versicherte ich ihr mich in ein Hostel zu begeben und tat dann auch, wie mir geheissen.
Das Hostel ist toll, belebt, wunderbar, weshalb ich entschied, auch heute noch hier zu bleiben. Hier zwei Hamburgerinnen kennen gelernt, wovon eine panische Angst vor meinen Glockennudeln im Spuelwasser hat. Haben heute einen Stadtspaziergang aehnlich dem roten Faden in Hannover gemacht, im Regen, versteht sich. Rotterdam ist nicht unbedingt mehr als einen Tag wert, wie ich traurig feststellen musste.
Morgen fahre ich in den Morgenstunden weiter nach Breda und kann dort hoffentlich in einer Kommune uebernachten. Dann fuehrt mich meine Planung nach Antwerpen, dann nach Bruessel und von dort wieder Richtung Kueste und besuche Mannis Tipp "Bruegge" - wo ich allerdings sowieso hingefahren waere, da mein Interrail-Buch dieser Stadt als einziger in Belgien 3 Sterne verpasst hat - und das will was heissen.
Wie man liest, lebe ich immer noch nicht von Tag zu Tag, sondern plane gemaess meiner Natur immer einige Tage im Voraus. Ich strebe an irgendwann auf dieser Tour planungsfrei zu sein und einfach in den Tag hineinzuleben, weil ich glaube, dann zu einer gewissen Selbsterkenntnis zu gelangen. Ausserdem arbeite ich auch weiterhin an anderen Charaktereigenschaften, die ich an mir selbst nicht ausstehen kann: Egoismus, Perfektionismus ... must be killed!
Bevor ich zur Selbsterkenntnis komme, steht aber bereits eine andere Erkenntnis im Vordergrund: Naemlich diejenige, dass mein Fahrrad demnaechst eine Rundumerneuerung braucht - die Hinterradfelge hat einen maechtigen Schlag, was das Fahren von Tag zu Tag anstrengender macht. Aber ich denke, ich werde sie fahren, bis auch sie gestorben ist. Meine Kette stirbt momentan auch den Heldentod. Sie ist verrostet.
Jetzt noch fuer alle Stalker, Neugierige und Atlasenthusiasten...meine bisherige Route: Amsterdam - Haarlem - Zaandvoort - Den Haag - Delft - Rotterdam. In Den Haag bot mir der Dortmunder Guenther* mit seiner 16-koepfigen Camper-Truppe eine Unterkunft fuer zwei Naechte in seinem Anhaenger, wo ich ca. 1000x so viel Platz hatte wie in meinem Zelt! Ein Dank ist an dieser Stelle ueberfluessig, weil die Truppe nicht zu den Selektierten gehoert, die diese Blog-Adresse bekommen haben. Mittlerweile habe ich schon so viele Menschen kennen gelernt, dass ich sie 1. verwechsle und 2. echt ueberlegen muss, an wen ich mich wohl bald noch erinnern werde. Diejenigen bekommen dann auch eine Tibet-Postkarte und Blog- und Emailadresse.

Ich merke, dass meine kreative Phase ein jaehes Ende gefunden hat, ausserdem kaut gerade der Hostel-Hund an meinen Schuhen rum, deshalb noch das Wichtigste in Kuerze:
- Die beiden Aepfel, die ich von Tante mitbekommen hatte, waren die leckersten, die ich je gegessen habe - zumindest kam es mir tatsaechlich so vor.

- Endlich konnte ich den Mankell tauschen und lese dafuer ein Stueck dt. Literaturgeschichte: Die Blechtrommel von Grass. Die Tage dazwischen konnte ich gut mit Schopenhauers Aphorismen abdecken, von denen ich bereits 20 Seiten, aber dafuer 3x gelesen habe ...

- Papa, ob H.H. mein Lieblingsautor ist, vermag ich noch nicht zu beurteilen. Zumindest weisen unsere inneren Biografien Aehnlichkeiten auf.

- Ich habe bereits eine Entwicklung durchgemacht. Wenn ich versehentlich mein Essen fallen lasse, denke ich nicht mehr: "Oh nein, Bakterien, ich werde krank..." , sondern "Mist, schon wieder Sand zwischen den Zaehnen..."

- Die Kommentare zu den letzten Beitraegen waren allesamt nett geschrieben und troesten mich tatsaechlich sehr ueber die etwaige Einsamkeit hinweg. Ich danke euch sehr dafuer! Lola*, die Hamburgerin meinte, ihre Work&Travel-Erfahrungen in Australien haetten ihr gezeigt, dass die ersten zwei Wochen einer solchen Reise schwierig seien, aber man sich schnell an das Leben aus dem Rucksack (oder eben aus den Fahrradtaschen) gewoehnt.

- Max, es tut mir leid, aber am 6.4. werde ich wohl kaum in London sein. Ich reise einfach so verdammt chillig und das ist auch wirklich gut so!

In diesem Sinne, enjoy your life

Euer Flo, der lebt und lebt und lebt

* Name von der Redaktion geaendert.

P.S. Ich wollte euch eigentlich Fotos hochladen, aber es funktioniert aus irgendwelchen Gruenden nicht. Sorry!

Sonntag, 23. März 2008

Schneehagel, Hagelschnee, Schneeregen, Regenschnee...

Hallo ihr lieben Daheimgebliebenen, so eben sind die 15 deutschen Freunde wieder gen Hannover abgereist. Sie haben mich wieder ein wenig in die Welt des Normalen gefuehrt: 4 Tage lang ein warmes Bett, ein warmes Zimmer, die Moeglichkeit endlich wieder den Aggregatzustand meiner Klamotten zu aendern: Von fluessig zu fest!
Und nun sind sie weg, ich wieder mit mir allein. Ich bleibe jetzt noch vielleicht ein, vielleicht zwei oder auch mehr Tage in Amsterdam, warte auf hoffentlich bald besser werdendes Wetter; ich hatte mir ja vorgenommen, das Wetter (das ja eigentlich Unbedeutendste dieser Erde) niemals zu thematisieren, moechte aber aufgrund der aktuellen Situation doch dieses zum Thema machen: Es regnet, es schneit, es hagelt, es windet - ich denke mir aber: es kann nur besser werden! Diesmal ist das wohl keine Floskel. Als ich letzte Woche in Osnabrueck eingefahren bin, konnte ich aufgrund meiner erfrorenen Finger nicht einmal mehr die Schaltung bedienen, ganz zu schweigen von immer wieder noetig werdenden kleinen Reparaturen am Fahrrad. Aber ich hatte das Glueck, in Osnabrueck bei zwei sehr netten Menschen wohnen zu koennen (mein Dank geht an Moritz & Anne, die ein Kind erwartet und demnaechst in unsere hannoversche Nordstadt ziehen). Ich konnte dort mit Moritz' Wunderheilmittel, genannt Heilerde, meine Magen-, Darmprobleme kurieren und sogar noch einen weiteren Tag dort bleiben, den ich fuer Anschaffungen genutzt habe: Ich bin also jetzt stolzer Besitzer eines Schals und von Handschuhen (die mir freundlicherweise Valle ueberlassen hat). Die naechste Nacht verbrachte ich in Enschede, einer wunderschoenen hollaendischen Kleinstadt in der Lebensgemeinschaft "De Wonne", wo ich sehr nett aufgenommen und auch verkoestigt wurde. Die Tatsache, dass die aufgenommenen und mit mir in einem Zimmer schlafenden Menschen von der Strasse ihrer Lust froehnen musste, tat der netten Behandlung in der Lebensgemeinschaft keinen Abbruch. Ich habe entschieden, meine Tour ein wenig anhand der Lebensgemeinschaften auszurichten, weil es meist kein Problem ist, dort zu uebernachten.
Von Enschede fuehrte mich mein Weg nach Amsterdam. Aufgrund meiner Krankheit und dem fahrradfahrerfeindlichen Wetter wurde meine Bike-Tour eher zu einer Interrailtour. Nur 200 Kilometer fuhr ich mit dem Fahrrad, den Rest auf Schienen.
Die letzten 4 Tage haben wir auf einem Campingplatz suedlich von Amsterdam verbracht, direkt neben dem Flughafen Schiphol liegend, was mich doch stark an Basti erinnerte, der ja einen Tag vor mir dort umgestiegen ist. Haben uns ein wenig Amsterdam angeschaut, sofern das bei Dauerregen machbar war, aber vor allem gemuetlich auf dem Campingplatz gechillt. Die Zeit ging doch viel zu schnell vorbei. Meine Angst, ich wuerde nach diesem Treffen wieder nach Hause wollen, hat sich allerdings nicht bestaetigt. Ich bin zwar gerade ein wenig sentimental und auch melancholisch, aber sehr motiviert. Ich vermisse euch zwar ein bisschen, aber freue mich einfach so sehr auf die Orte, die ich noch gern sehen moechte, dass es mich fuer negative Stimmungen resistent macht. Hoffe, das Wetter laesst ein Weiterfahren zu. Ich denke, ich werde mich an der Kueste gen Sueden bewegen, durch Haarlem, Den Haag, vielleicht Rotterdam Richtung Calais in Frankreich und hoffe am 6. April in London zu sein, damit ich beim Fackellauf fuer Tibet dabei sein kann. Ich mach mir jedoch keinen Druck und plane wegen des Wetters nur kurze Tagesetappen.
Ich kann euch leider kein Foto hochladen, wirklich Sehenswerte sind auch noch gar nicht entstanden.
Ich hoffe, dass es euch auch gut geht und darauf, euch vielleicht irgendwo zu treffen.
Matthew sehe ich hoffentlich in Middlesborough oder Hull ... :-)
Meine heutige Uebernachtungsmoeglichkeit ist bereits gesichert. Auf dem Campingplatz schlafe ich in einer Huette bei 4 Leuten aus Muenchen.
Ganz liebe Gruesse vom wieder gesunden und vor Kraft strotzenden Flo!